Schoener Scheitern
Als vor ein paar Wochen der alljährliche Bundespresseball begangen wurde, waren die Zeitungen voll von Bildern des Bundespräsidentenpaares Wulff. Man schrieb von innigen Küssen und Glanz und Glamour und kaum eine Zeitung kam ohne ein Bild des Paares aus.
Unser aller Lieblingslachnummer Guttenberg wurde vor seinem tiefen Fall von den Medien zur Lichtgestalt hochgeschrieben. Immer an seiner Seite, seine großäugige Frau. Die beiden bildeten eine perfekte Mediensymbiose. Er, der sich zum Macher stilisieren lies, sie, die rehäugige Kämpferin für die Rechte armer gequälter Kinderseelen.
Nun ist über Aufstieg und Fall der Guttenbergs, die Rolle der Medien im Allgemeinen und besonderen schon viel geschrieben worden – und Schlagzeilen über die Wulffs bestimmen dieser Tage die Titelseiten von Magazinen, Zeitungen und Onlinennewsportalen.
Letztendlich ähneln sich beide Fälle – hier wurden Politiker zu Idolen und besseren Menschen hochgeschrieben, überhöht und inszeniert. In beiden Fällen haben die betreffenden Personen selbst zu einem Gutteil dazu beigetragen.
Was ich mich bei dem ganzen moralinsauren Quatsch, den ich da so lesen muss, immer frage: Wer ist eigentlich auf die Idee gekommen, dass wir (also wir BürgerInnen und Bürger) solche Lichtgestalten brauchen? Ich persönlich finde ja nichts langweiliger (und ehrlich gesagt auch gruseliger) als perfekte Menschen. Menschen, die immer alles richtig zu machen scheinen, die von allen gemocht werden, die ständig nur Gutes tun und immer porentief rein sind. Wer kann so ein Bild schon auf Dauer aufrecht erhalten?
Sascha Lobo hat, ebenfalls vor ein paar Wochen, einen treffenden Artikel bei Spiegel Online veröffentlicht, in dem er einen anderen Umgang mit Fehlern postuliert. Fehler seien dazu da, ganz transparent korrigiert zu werden. Die Ereignisse rund um die Causa Wulff zeigen, dass die Gesellschaft offensichtlich (noch) nicht so weit ist, dieses einzusehen.
Wenn ich auf mein unfassbar langes, mittlerweile immerhin schon bahnbrechende 28 Jahre andauerndes Leben zurückblicke, muss ich gestehen: Ich habe Fehler gemacht. Viele. Einige waren schlimmer, andere nicht ganz so dramatisch. Ich bin meilenweit davon entfernt, ein perfekter Mensch zu sein. Ich bin das ein oder andere Mal an mir selbst, an anderen Menschen und am Leben gescheitert. Und das ist auch gut so. Man muss sich Fehler eingestehen können, um seinen Frieden mit ihnen zu machen. Das geht aber nur, wenn Fehler auch verziehen werden können. Wer Nachteile zu erwarten hat, der fängt an zu lügen und zu vertuschen und das kommt früher oder später eh raus. In Zeiten dieses Internets eher früher und immer schneller. Wohin das führen kann, sehen wir ja gerade sehr schön am Fall Wulff.
Ich für meinen Teil wünsche mir mehr PolitikerInnen, die zu ihren Fehlern stehen können, weil es ok ist, welche zu machen. Irgendwann. Und wenn nicht jede Verfehlung sofort als Schwäche ausgelegt werden würde, wären wir schon einen großen Schritt weiter.
Heute vor einem Jahr
...stand ich fassungslos im Stuttgarter Schlossgarten und haute mit den letzten Resten meines Akkus tweets in meine timeline. tweets, die mir, wenn ich sie heute durchlese, immernoch einen Schauer über den Rücken jagen.
Vor meinem Auge tauchen dann Bilder von Wasserwerfern auf, ich höre schreiende Menschen, ich sehe mich selber, wie ich von aufmarschierenden Polizisten zur Seite gestoßen werde. Und, ich rieche die tränengasgeschwängerte Luft. Die Szenerie im Stuttgarter Schlossgarten war seltsam unwirklich, skuril und unfassbar. Da zielten Polizisten aus nächster Nähe auf Demonstranten - aber schon 500 Meter weiter weg war davon nichts mehr zu hören oder zu sehen.
Als Mitarbeiterin der Grünen Landtagsfraktion war ich von Anfang an vor Ort. Ich sah, wie eine eigentlich friedliche und fast freundliche Szenerie innerhalb einer halben Stunde umschlug, wie Polizisten plötzlich ihre Helme aufsetzen und wie Landtagsabgeordnete sich trotz ihres Ausweises nicht mehr frei bewegen durften. Das Ganze war geprägt von einer totalen Überforderung der Einsatzkräfte - so kam es mir jedenfalls vor.
Und ich weiß noch, wie ich abends halb durchnässt und total aufgewühlt nach Hause kam und den Fehler machte, mir in der mediathek der ARD ein Interview mit dem damaligen Innenminister anzusehen, der eiskalt eben diese Tatsachen leugnete, die ich mit eigenen Augen gesehen hatte. Ich hatte vorher schon nicht viel Vertrauen in Irgendwas, aber das hat selbst mich nachhaltig schockiert.
Und wenn ich mich heute daran zurück erinnere, dann bin ich umso mehr der Meinung, dass die alte Regierung aus CDU und FDP in Baden-Württemberg absolut zurecht abgewählt wurde. Und ja, es ist wahr, dieses "Regieren" mag nicht einfach sein und auch die Grünen (und die SPD) machen ihre Fehler und Politik ist sowieso schlecht und unsere Gesellschaft eh ein Deppenhaufen - aber das, was heute vor einem Jahr (übrigens an einem ähnlich schönen Spätsommertag wie heute) im Schlossgarten (und im Nachhall dazu) abgelaufen ist, hat völlig zurecht einen Prozess in Gang gesetzt, der letztlich zur Abwahl geführt hat. So etwas hätte einfach nicht passieren dürfen. (Auf der anderen Seite ist es auch spannend zu sehen, wie schnell eine Situation außer Kontrolle geraten kann, Stichwort "Kontrollverlust" und so, aber das nur am Rande.)
Ich werde jedenfalls morgen in den Schlossgarten gehen und mich an diesen komischen Tag erinnern.
Wo ich hier so dumm rumsitze und an die Geschehnisse von vor einem Jahr denke, wird mir auch erst bewusst, was für mich persönlich in diesem Jahr alles passiert ist. Bewegte Zeiten.
In diesem Sinne:
Tip zur Sonne.
Da ist man plötzlich wieder zurück aus dem Urlaub. Die Erde hat sich fasznierenderweise auch ohne einen weitergedreht und geändert hat sich auch nicht viel. Die Menschen sind immernoch unerträglich und die Sinnlosigkeit des eigenen Seins ist auch nicht verschwunden.
Dafür ist plötzlich Sommer. Und das Leben hat mir gerade zwei weitere Urlaubstage geschenkt. Und weil ich daher ausnahmsweise mal gute Laune habe, gibt es auch mal fröhliches Liedgut zu hören. Und einen der schönsten Reime, den die deutschsprachige Indierockpopgedönsecke jemals hervorgebracht hat.
Bratwurst und Politik
Heute hat David McAllister, seineszeichens Ministerpräsident des Landes Niedersachsen, sich mit markigen Worten zitieren lassen.
So sagt er im Interview mit dem Tagesspiegel unter anderem:
"Das schnelle Internet birgt eben viele Chancen und ebenso Risiken. Es ist doch verständlich, dass viele Eltern die neuen Entwicklungen im Web, zum Beispiel Facebook, mit Sorge beobachten. Nicht alles, was in sozialen Netzwerken passiert, ist auf Anhieb nachvollziehbar. Jeder teilt jedem mit, was er gerade macht, denkt und fühlt. Das ist ein neues Phänomen. Es fällt mir manchmal schwer, den persönlichen oder gesellschaftlichen Mehrwert zu erkennen."
Da haben wir sie wieder, die in Deutschland ach so beliebten Risiken. Ich meine, ich sehe ja ein, dass es Dinge gibt, die zweifelsohne riskant sind, der Versuch, blind und in der Rushhour eine Autobahn zu überqueren zum Beispiel, aber was am schnellen Internet so risikoreich sein soll, hat sich mir noch nie erschlossen. Aber vielleicht kann Herr McAllister mir das ja mal erklären.
Er sagt nämlich auch: "In den acht Jahren, in denen ich Mitglied im Koalitionsausschuss von CDU und FDP in Hannover bin, ist kein einziges Mal ein Detail an die Öffentlichkeit gedrungen. Das ist in Berlin-Mitte offenkundig sehr schwierig. Mit dieser Einschätzung stehe ich nicht allein."
Da liegt dann auch der Hund im Pfeffer und der Hase in der Pfanne: Politik war lange Zeit eine Art Geheimveranstaltung weißer, mittleralter Männer, die die Geschicke des Landes weise und immer korrekt ausgestaltet haben. Nachdem in den letzten Jahren schon Frauen, jüngere Menschen und andere Randgruppen mit zunehmendem Erfolg ein Stück vom Mitbestimmungskuchen eingefordert haben, soll Politik jetzt auch noch transparent werden? Das geht doch nicht, findet Herr Mc Allister.
Herr McAllister kann daher auch völlig zurecht Kollegen zurückweisen, die "uninteressante Sachen" an die Öffentlichkeit geben. Denn Herr McAllister weiß nämlich, was das gemeine Internetvolk lesen will und was nicht.
Ein Blick auf seine Twitterpage spricht da Bände. Und Bratwürste, das weiß Herr McAllister ganz genau, gehören nicht dazu.
Da passt nur gut ins Bild, dass die Stuttgarter Zeitung heute etwas zur Social-Media-Aktivität der neuen Landesregierung von Baden-Württemberg schreibt.
Hier wird kritisch angemerkt, dass Alexander Bonde, Minister für den Ländlichen Raum, "selbst offizielles" über seinen Twitterkanal verbreite. das die Stuttgarter Zeitung so ein Verhalten kritisiert, ist natürlich überaus verständlich. Es kann doch nicht sein, dass ein Minister seine Follower direkt informiert, ohne den herkömmlichen Weg über Pressemitteilungen und Redaktionsgespräch bei der Stuttgarter Zeitung zu gehen. Nachher sind die Menschen dank dieses schnellen Internets sogar früher informiert als der Lokaljournalist. Und nachher kommuniziert der Minister auf diese Art und Weise direkt mit seinen WählerInnen. Und so etwas, das haben wir ja von David McAllister gelernt, ist höchst bedenklich und birgt Risiken. Und das kann doch niemand wollen, oder doch?
Politcamp 2011
Am Wochenende findet mal wieder das politcamp statt, diesmal im schönen Bonn. Im ehemaligen Bundestag und der Deutschen Welle wird über Netzpolitik und politische Kommunikation im Web diskutiert und ich bin dabei. *freu
Zum einen hoffentlich mit einer Barcamp-Session in bewährter Komibination, nämlich mit Teresa Bücker - zumindest ist das der Plan, mal sehen, ob wir es trotz all der Zeitnot noch hinbekommen, einen ansprechenden Vorschlag vorzubereiten (man darf gespannt sein), zum anderen ganz spontan und kurzfristig bei einer Session, die sich Cem Basman ausgedacht hat. Am Samstag um 12 Uhr diskutiere ich also mit
über "Demokratie, Soziale Medien und Generationenwechsel". Da ich erst heute mittag gefragt wurde, ob ich mich dazugesellen will, habe ich auch noch keine Ahnung, was ich da von mir geben werde, aber bis Samstag wird mir schon noch was ansprechendes einfallen. Zumal bei dem Thema.
Wir sehen uns in Bonn!
Ich werde ein bisschen rot…
...wenn ich die @twitkrit lese, die der von mir nicht erst seit heute hoch geschätzte @baranek über mich geschrieben hat. #hach
aber lest selbst:
http://www.twitkrit.de/2011/05/10/erdbeeren-mit-sekt/
und jetzt denke ich weiter darüber nach, welches Kleid ich denn morgen anziehe und welches übermorgen. Wichtige Fragen, die dringend geklärt werden müssen.
Kurz innehalten, laecheln, weitermachen.
Yo.
Wahl ist vorbei, jetzt fängt die Arbeit an.
Das Foto da hat die Stuttgarter Zeitung gestern am Rande der Montagsdemo GEGEN S21 von mir gemacht und es zeigt ganz gut meinen derzeitigen Gemütszustand.
Der Wombat ist DREI TAGE WACH
Hochverehrte Leserschaft!
Morgen um 18 Uhr startet der Landesverband von Bündnis 90/DIE GRÜNEN Baden-Württemberg zum ersten Mal "Drei Tage wach".
Drei Tage und drei Nächte lang sitzen Menschen in einem Studio in Stuttgart-Feuerbach (bzw. vor ihren PCs zuhause) und beantworten eure Fragen. Zudem gibt es noch Interviews mit Grünen KandidatInnen und allerlei anderen Schabernack.
Übertragen wird das Ganze ins Internet.
Auch der Wombat und der habicht sind mit von der Partei aehm Partie. Und ich habe mir so viele Schichten aufgehalst, dass ich am Sonntag wahrscheinlich meine Augenringe entgültig als Schal um den Hals werfen kann. Aber was tut man nicht alles für den Wahlsieg und so.
Wenn ihr also Wombi Fragen rund um grüne Politik stellen wollt - ab morgen, 18 Uhr habt ihr die Chance dazu.
Hier gehts dann direkt zum Stream.
P.S. Wer zwischendrin den Grünen aus Rheinland-Pfalz beim wach sein zuschauen möchte, dem sei folgender Link ans Herz gelegt: http://gruene-rlp.de/startseite/
Edit:
Hier übrigens der Link zum Stream: http://dreitagewach.gruene-bw.de/











