JUST ANOTHER FEMALE BLOGGER Ein Versuch.

4Mai/112

Ueber Redaktionen, Neutraliaet und Quoten: Der habicht trifft die Chefredaktion

Am gestrigen Dienstag hatte ich die Gelegenheit, in ziemlich illustrer Runde über die Stuttgarter Zeitung im allgemeinen und besonderen zu diskutieren.

Die Chefredaktion der Zeitung hatte insgesamt 7 LeserInnen an den Arsch der Heide nach Stuttgart-Möhringen geladen, um über die Ausrichtung der Stuttgarter Zeitung, den Artikelstil, den Unterschied zwischen Bericht und Kommentar und über tendenziöse Berichterstattung zu diskutieren. Ein Teil davon wurde über die Facebook-Gruppe der Zeitung ausgewählt, andere sind regelmäßige LeserbriefschreiberInnen und wiederum andere hatten Briefe geschrieben, die die Redaktion besonders beeindruckt hatten.

So saßen wir dann also mit 3 Leserinnen, 4 Lesern und 4 Chefredakteuren in nicht gerade paritätisch besetzter Runde bei Fingerfood (lecker!) und Bier (toll!) beisammen und diskutierten über 2 Stunden lang. Die Atmosphäre würde ich als ziemlich entspannt bezeichnen, man konnte meistens ausreden und über den Mund gefahren wurde einem auch nicht.

Relativ lange ging es um den Unterschied zwischen Bericht und Kommentar, um Neutralität, die meiner Meinung nach eh nur eine Illusion ist, schließlich sind wir ja alle nicht die Schweiz - auch Zeitungen nicht. Ich erwarte schon eine fundierte Berichterstattung, bei sowohl die Argumente der Pro- als auch der Contra-Seite genannt werden, aber 100 % Neutraliät? Nein danke.

Spannend fand ich, dass von Seiten der Chefredaktion ziemlich ehrlich (ich hatte jedenfalls den Eindruck) über die Themenverteilung im Blatt geredet wurde. So erfuhr man, warum nur über die Stuttgarter Ostermärsche berichtet wurde, nicht aber über die, die in anderen Landesteilen stattgefunden hatten. Solche "Geschichten aus der Redaktion" bringen den Blattmacher-Alltag näher.

Zu der Leserkonferenz gibt es auch einen Artikel in der Stuttgarter Zeitung, den ich hier natürlich auch verlinke.

Was in dem Artikel nicht vorkommt, ich aber aus Gründen unbedingt noch erzählen muss: Gegen Ende der Konferenz stellte ich die Frage nach der Frauenquote in der Redaktion im Allgemeinen und der Chefredaktion im Besonderen. Auch hier bekam ich von den "weißen Männern, 45 plus", wie man sich selbst ganz selbstironisch bezeichnete, eine ehrliche Antwort: Man strebe schon seit längerem eine Erhöhung des Frauenanteils in der Führungsebene an, bisher allerdings ohne Erfolg. Man sei sich allerdings der Problematik bewusst, musste gleichzeitig aber auch zugeben, dass im Leitbild der Zeitung nichts in Sachen "Frauen" enthalten ist.

Und auch wenn es euch nicht schmeckt, Jungs, weil 1653 Beteuerungen und guter Wille alleine einfach nichts bringen, genau deshalb brauchen wir die Quote. Wenn eine Leserin erzählt, dass es schon vor 20 Jahren die Bestrebung gab, mehr Frauen in die Leitungsebene der StZ zu bringen und man sieht, wieviel da bisher umgesetzt wurde, dann würde ich sagen: Es geht leider nur mit Zwang. Denn die Gruppe "männlich, weiß, über 45" wird immer dazu neigen, Nachwuchs heranzuziehen, der der gleichen Gruppe angehört. Und das ist nicht nur ungerecht sondern auch ziemlich langweilig. Und langweilig will man ja auch als Zeitung nicht sein, oder?

Kommentare (2) Trackbacks (0)
  1. wurde auch in frage gestellt, warum stuttgart 2 konservative zeitungen hat, aber keine progressive? das wundert mich ja am meisten.

  2. Nein. Das wurde nicht gefragt. Ich glaube auch nicht, dass sich die StZ explizit als konservative Zeitung versteht. Außerdem, welche Stadt hat schon eine progressive Tageszeitung?


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